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Dienstag, 3. juni 2008
Und die zweite Geschichte...


Ich stehe am Ende einer langen Treppe. Ich fühle mich, als wäre ich zehntausend Stufen hinaufgestiegen, doch bin ich mir sicher, nach unten gegangen zu sein. Und es waren nicht mehr als zweihundert Stufen. Können nicht mehr gewesen sein. Wahrscheinlich weniger.

 

Ich sehe mich um. Ich stehe in einer Halle. Es sieht aus wie ein U-Bahnhof. Zwei Schienen laufen jeweils an einer Seite des bestimmt zwanzig Meter breiten Bodens entlang. Zumindest vermute ich es, denn da sind Tunnel. Und der Boden fällt einfach nach unten. Hinter diesen Gefällen allerdings sind weitere Wege, groß genug um darauf zu laufen. Doch enden sie bei den Tunneln. Es riecht leicht abgestanden. Wie in einer U-Bahn.

 

Die Wände der Halle sind schwarz. Wie schwarzer Marmor, doch ist es keiner. Glaube ich zumindest. Auch der Boden ist schwarz. Ich sehe hinauf, mein Blick wandert die kahlen Wände hinauf. Höher, immer höher. Irgendwann kommt tatsächlich die Decke. Sie scheint so fern, weiter weg als der Himmel. Als könnte nie ein Wesen sie berühren.

 

Ich senke den Blick wieder, betrachte die Halle. Bänke, Schilder. Mülleimer. Plakate an den Wänden. Komisch. Eben waren sie noch nicht da. Wo kommen sie her?

 

Ich höre einen Zug. Zumindest glaube ich das. Ich drehe mich um. Auch dort mir sind zwei Tunnel, einer rechts, einer links. Beide sind dort, wo der Boden aufhört. Bin ich in einem Bahnhof? Die Tunnel sind nicht beleuchtet, genauso wie die hinter mir. Ich könnte überall sein. Doch ich bin hier. Warum?

 

Das Geräusch wird lauter. Ich sehe die Treppe an, die ich eben hinabgestiegen bin. Bin ich das? Warum weiß ich es nicht mehr? Wie kam ich hierher? Sie führt nach oben, offensichtlich. Doch wo endet sie? Ich sehe es nicht. Sie scheint zu verschwinden. Irgendwo. In der Wand. Wo?

 

Rechts hinter mir rauscht es. Ich drehe mich wieder um. Es ist ein Zug, tatsächlich. Ein bunter Zug. Orange ist die vorherrschende Farbe, die Lampen leuchten grellgelb, grüne und blaue Streifen zieren die Wände. Es gibt auch Fenster. Durch sie sehe ich einen leeren Zug, der von orange-farbigem Licht erhellt wird. Wer fährt den Zug? Ich sehe keinen Schaffner.

 

Er hält an. Die LED-Anzeigen an der Seite zeigen an, wo er hinfährt. Doch ich kann es nicht lesen. Nicht, dass ich nicht lesen könnte. Doch diese Anzeige kann ich nicht lesen. Der Zug steht jetzt. Die Türen öffnen sich zischend. Plötzlich steigen Leute aus. War der Zug nicht leer? Ich bin verwirrt. Warum sehe ich so viele Menschen? Und warum erkenne ich sie nicht?

 

Ich kenne diese Menschen nicht. Vielleicht kenne ich sie. Doch ich erkenne sie nicht. Ich sehe ihre Kleidung, ihre Rucksäcke und Koffer und Tüten, ihre Haarfarben und Frisuren. Ihre Schuhe. Ich weiß, welche Farbe die Strümpfe einer jeden Person haben, ohne sie zu sehen. Doch ich kann die Gesichter nicht erkennen. Warum kann ich ihre verdammten Gesichter nicht erkennen?

 

Sie sehen alle gleich aus, und doch sehen sie nach gar nichts aus. Sie steigen aus. Dutzende, nein, hunderte. Sie strömen aus dem Zug, wie Wasser, das einen Wasserfall hinunterfließt. Wer sind sie? Was tun sie hier? Dies ist mein Ort. Warum? Ich weiß es nicht. Will es nicht wissen. Oder doch?

 

Ich höre einen zweiten Zug. Er kommt aus der anderen Richtung. Ich drehe mich um. Da kommt noch ein Zug. Er hat die gleichen Farben wie der erste. Auch hier ist kein Schaffner im Führerabteil. Keine Menschen befinden sich in dem Zug, er ist leer. Die Türen öffnen sich. Menschen steigen aus. Dieser Zug ist leer. Ich weiß es. Wo kommen diese Menschen her? Warum kann ich ihre Gesichter nicht erkennen? Wo bin ich?

 

Die Menschen steigen weiterhin aus den Zügen aus. Sie verteilen sich um diesen Ort. Manche setzen sich auf Bänke. Manche bleiben stehen. Manche wandern herum, ziellos scheinbar. Manche steigen die Treppe hinauf, die ich herunterkam. Kam ich die Treppe hinunter?

 

Warum verschwinden sie in der Wand? Warum sehe ich keine Öffnung in dieser Wand, in der die Treppe endet? Wohin gehen sie? Wer sind sie? Sehen sie mich? Erkennen sie mich?

 

Die Türen der Züge schließen sich zischend. Kein Warnsignal. Sie gehen einfach zu. Die Züge fahren an, legen an Geschwindigkeit zu. Sie fahren in die Tunnel ein und sind kurz darauf verschwunden. Wo kommen die Schilder an den Wänden her? Sie sind so orange wie die Züge. Sie zeigen in Richtung der Tunnel. Und sie tragen eine Aufschrift. Warum kann ich sie nicht lesen?

 

Ich gehe zu einem der Schilder in der Mitte des Bahnhofs. Ist es ein Bahnhof? Hier haben eben zwei Züge gehalten. Es muss ein Bahnhof sein. Ist es ein Bahnhof?

 

Das Schild ist Orange. Wie die Züge. Wieder kann ich die Aufschrift nicht lesen. Wieso nicht? Welche Sprache ist das? Ich kenne viele Sprachen. Ich kann viele Sprachen. Warum weiß ich das? Warum weiß ich das wiederum nicht? Und warum kann ich ausgerechnet diese Sprache nicht?

 

Ich beobachte die Menschen. Sie verhalten sich normal. Noch immer kann ich sie nicht erkennen. Will ich sie überhaupt erkennen? Warum bin ich mir so unsicher?

 

Ich höre einen weiteren Zug. Plötzlich weiß ich, was dieser Ort ist. Es ist ein Scheideweg. Eine Kreuzung. Einer der Züge fährt an einen freundlichen, warmen Ort. Dort würde ich mich wohl fühlen. Der andere Zug fährt an einen kalten, kargen Ort. Dort wäre meine Existenz für niemanden von Belang. Ich wäre ein Stern am Himmel. Schön anzusehen, einer von vielen. Niemand würde lang auf mir verweilen.

 

Wer betrachtet heute eigentlich noch die Sterne? Wer nimmt sich noch die Zeit dafür? Wer würde mich beachten? Wo sind die Sterne eigentlich? Ach ja, die Decke… War sie nicht eben noch höher? Kommt sie näher?

 

Zurück zu den Zügen. Ich habe das Gefühl, mich entscheiden zu müssen. Wieder halten zwei Züge an. Menschen steigen aus, dann steigen Menschen ein. Menschen, die zuvor aus der anderen Richtung kamen. Und aus der gleichen Richtung. Wollen sie wieder zurück? Warum? Warum steigen sie in beide Züge ein, statt in den, der an einen schönen Ort fährt? Warum wollen sie in die Ödnis? Was haben sie dort verloren? Warum kann ich die verdammten Aufschriften der Schilder und Anzeigen nicht lesen?

 

Ich höre ein Knacken. Die Decke? Tatsächlich. Sie reißt. Ich sehe deutlich Sprünge darin. Noch sind sie klein. Welches Gewicht lastet wohl auf ihr? Warum droht sie zu brechen, wenn ich noch am Scheideweg stehe? Warum, wenn ich noch nicht weiß, welcher Zug mich an mein Ziel bringt?

 

Die Türen der Züge schließen sich. Die Züge fahren ab, verschwinden. Menschen sind mit ihnen gekommen. Menschen sind mit ihnen gefahren. Waren die Züge bei ihrer Ankunft auch leer? Welcher Zug fährt wo hin? Warum kann ich die Gesichter nicht erkennen?

 

Ich erkenne eines der Zeichen an den Wänden. Es bedeutet „Nichts“. Woher weiß ich das? Es ist in der oberen Hälfte des Schildes. Bedeutet das, dass ich in den Zug auf dieser Seite einsteigen muss, um an einen schönen Ort zu kommen? Oder muss ich auf der anderen Seite einsteigen?

 

Ich drehe mich um. Betrachte das Schild an der anderen Wand. Auch hier sehe ich dieses Zeichen. Doch es ist auch in der oberen Hälfte. Welcher Zug ist es?

 

Wieder ein Knacken, lauter diesmal. Und länger. Die Risse in der Decke werden länger. Breiter. Kleine Felsen fallen herab. Sie treffen niemanden. Niemand scheint Notiz davon zu nehmen. Warum nicht? Bemerken die Menschen nicht, welche Gefahr ihnen droht? Warum sehe ich ihre Gesichter nicht?

 

Ich halte einen Mann am Arm fest. Ich will ihn fragen, welcher Zug in welche Richtung fährt. Ich frage ihn auf Deutsch. Dann auf Englisch. Keine Reaktion. Ich frage ihn in einem, dann in zwei Dutzend Sprachen. Keine Reaktion. Warum reagiert er nicht? Er versucht, weiterzugehen. Seine linke Schulter ist der Treppe zugewandt. Die rechte Schulter halte ich zurück. Er reagiert nicht auf mich. Auf meine Fragen. Warum?

 

Noch mehr Steine fallen von der Decke. Menschen werden getroffen, fallen zu Boden. Sie bluten. Bleiben liegen. Bewegen sich nicht mehr. Niemanden scheint es zu interessieren.

 

Ich lasse den Mann los. Wieder kommen zwei Züge an. Welcher ist es?

 

Die Decke bricht. Riesige Steine fallen herab. Sie werden alles gnadenlos zermalmen, was sich unter ihnen befindet. Nichts wird sie bremsen. Sie werden den Bahnhof zerstören. Woher weiß ich das?

 

Was soll ich tun? Die Züge fahren gleich ab. Es werden die letzten sein, die diesen Bahnhof verlassen. Nichts wird es hier mehr geben, wenn die Steine heran sind. Nichts als Steine und zerquetschte Menschen, Schilder, Bänke, Mülleimer. Ich muss mich entscheiden.

 

Ich stehe genau zwischen den beiden Zügen. Jeder ist gleich weit von mir entfernt. Welcher ist es?

 

Ich renne nach links. Warum? Früher hätte ich die rechte Seite gewählt. Warum nehme ich nun die linke? Die Tür kommt näher. Die Steine auch. Ich höre die Luft an ihnen vorbeipfeifen. Nicht mehr lange. Hoffentlich ist der Zug schneller.

 

Die Türen schließen sich. Mit einem Hechtsprung erreiche ich das innere. Die Türen streifen meinen Schuh. Sie fallen mit einem lauten Knall zu. Es hat etwas Endgültiges. Doch der Zug steht noch immer. Warum? Die Felsbrocken kommen näher.

 

Mit einem Ruck fährt der Zug an. Der erste Stein ist am Ende seines Falls. Er schlägt in den anderen Zug ein. Zertrümmert ihn. Mitsamt den Passagieren. Er fällt geradewegs hindurch. Die Waggons heben sich. Brechen. Reißen. Zwei von ihnen zieht der Felsen mit sich. Sie verschwinden außer Sicht.

 

Die Insassen sind tot, ihre Körper zerstört. Ich weiß es. Woher?

 

Ein scharfer Wind peitscht durch meinen Waggon. Wo sind die Menschen, die vor mir eingestiegen sind? Warum ist dieser gottverdammte Zug leer?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ist es der richtige Zug?

von Thanaell veröffentlicht in: Kurzgeschichten
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